Die politische Landschaft
Die Eröffnung des Waldheims Sillenbuch erfolgte noch im »Wilhelminischen Zeitalter«. Nach dem Fall des »Bismarckschen Sozialistengesetzes« im Jahr 1890 folgte eine stürmische Aufwärtsentwicklung der sozialistischen Arbeiterbewegung. Das Land aber war noch beherrscht von einem verknöcherten Beamtentum, von monokeltragenden Offizieren, von bunt bemützten Studenten und von dem größenwahnsinnigen
Gottesgnadentum der Hohenzollern. Der Dali-bärtige Hohenzollernspross, mit seiner Leidenschaft für gewichste Stiefel und schimmernde Wehr, beunruhigte die Welt mit seinen kraftmeierischen Reden. Die Lorbeerbäume von Schiller und Goethe, von Lessing und Kant wurden durch Kruppsche Kanonen ersetzt. Der deutsche Imperialismus rüstete sich zu seinen Eroberungsplänen.
Die aufstrebende Industrie
Nach der Jahrhundertwende entstanden in den wichtigsten Industriestädten Württembergs Großbetriebe, die einen neuen Typ des Arbeiters hervorbrachten: Am markantesten zeigte sich dies im Industriekreis Stuttgart in der Schuh- und Lederindustrie, bei Daimler in Untertürkheim und dem meteorhaften Aufstieg der Firma Bosch. Die neuen Arbeits- und Entlohnungsmethoden zogen Arbeiterschichten aus anderen Berufen an. Aus Nord- und Mitteldeutschland kamen Arbeiter ins Schwabenland. Aus den ländlichen Bezirken des Landes, vom Schwarzwald, der schwäbischen Alb, dem Unterland und von Oberschwaben zog es die Kleinbauernsöhne und Häuslerkinder in die aufschießende Großstadt. Für diese Schichten wurden die sozialistische Partei und die Gewerkschaften zur Heimat und das Waldheim Sillenbuch zu einer Stätte der Erholung, Belehrung und Belustigung.
In der sozialistischen Partei herrschte damals ein reges geistiges Leben, das das Klassenbewusstsein stärkte und pflegte. Die Stuttgarter Parteileitung unter Fritz Westmeyer, gestützt auf einen Stamm klassenbewusster Arbeiter, stellte sich hinter das Bekenntnis von Clara Zetkin, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Franz Mehring zum Internationalismus und gegen den Krieg. Die Beschlüsse auf der Friedenskundgebung der Sozialistischen Internationale 1912 im Dom zu Basel führten auch im Waldheim bei den zwanglosen geselligen Zusammenkünften zu lebhaften Aussprachen.
Waldheim und Arbeiterjugend
Vom 18.-24. August 1907 fand in Stuttgart der 7. Kongress der II. Sozialistischen Internationale statt. Anschließend daran erfolgte der erste Internationale Sozialistische Jugendkongress, einberufen von Ludwig Frank und Karl Liebknecht. Dies war der Auftakt zu verstärkter organisatorischer Erfassung der Arbeiterjugend.
Das Waldheim Sillenbuch war von Anfang an der Treffpunkt der Jugend bei Sport, Spiel und Gesang. Die Stuttgarter Jugendgruppen waren allerlei Schikanen des Polizeidirektors Dr. Bittinger ausgesetzt. Sie wurden von der bürgerlichen Presse angefeindet und als »rote Brut« beschimpft. Im Frühjahr 1914 verbot der Polizeidirektor jegliche Zusammenkunft der Jugend. Just zu dieser Zeit befasste sich die Jugendleitung mit der Vorbereitung des ersten Sozialistischen Jugendtages, der an Pfingsten 1914 in Stuttgart stattfinden sollte.
Am Pfingstsamstag wurden mit großer Begeisterung auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof einhundert Jungsozialisten aus der Schweiz empfangen und in Privatquartieren untergebracht. Am Pfingstsonntag waren Stadtführungen mit einem gemeinsamen Treffen im Waldheim Sillenbuch vorgesehen. Da aber das Waldheim von Landjägern umkreist und die Zugangswege zum Waldheim von der Polizei überwacht wurden, zogen die Jugendgruppen in das Waldheim Heslach und von dort unbehindert – unter Absingen von Arbeiterliedern und Hochrufen auf den Polizeidirektor – in Dinkelackers Saalbau. Saal und Garten bei Dinkelacker waren überfüllt. Ohne Aufsicht der Polizei fand das Meeting statt.
Der Ausbruch des ersten Weltkrieges und die Mobilmachung am 4. August 1914, das Verhalten des Parteivorstandes, der den Burgfrieden verkündete und die Kriegskredite bewilligte, war auch für die Jugend ein schwerer Schock, da sie die internationalen Beschlüsse wie ein Evangelium in sich aufgenommen hatte. Im Waldheim wurden die Mitglieder, die zum Kriegsdienst eingezogen wurden, verabschiedet. Viele kehrten nicht mehr zurück. Für die Zurückgebliebenen war das Waldheim auch weiterhin allgemeiner Treffpunkt.
Aus dieser Jugendgeneration gingen in den späteren Jahren eine stattliche Zahl von Funktionären der Partei-, Gewerkschafts- und Arbeiterkulturbewegung, viele Vertreter in den Gemeinde- und Landesparlamenten sowie Redakteure der sozialistischen Presse hervor. Für sie zählte der Aufenthalt im Waldheim Sillenbuch zu den
schönsten und eindruckvollsten Erinnerungen ihrer Jugendjahre. l
Emil Birkert ([ 1895 = 1985)
1949-1966: Landesvorsitzender,
1955-1966: stellvertretender Bundesvorsitzender der Naturfreunde
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